Freizeit

Im Dreck auf dem Weg zur Meisterschaft

Sabrina Schindhelm (k50-Redakteurin) · 18.03.2016

Nicht ungefährlich: alle wollen gleichzeit durch die erste Kurve © Sabrina Schindhelm

Nicht ungefährlich: alle wollen gleichzeit durch die erste Kurve © Sabrina Schindhelm

Schon bald werden wieder die letzten Schrauben festgezogen, alles wird auf Herz und Nieren geprüft. Wenn dann der kalendarische Frühling beginnt, ist das Glück perfekt. Die Motocross-Saison ist eröffnet!

Meine Liebe zu dem Sport kommt aber nicht von irgendwoher. Schon seit mehreren Generationen macht meine Familie Gespann-Motocross. Da bleibt es natürlich nicht aus, dass auch ich von diesem Virus betroffen bin. Seit drei Jahren bin ich selbst dabei.

Sich blind verstehen

Wenn ich jemandem von meinem Hobby erzähle, denken die meisten an die ganzen Freestyler, die in der Luft mit ihren Motorrädern coole Kunststücke machen. Aber das ist was ganz anderes. Die Jungs mit den Tricks haben mit uns fast nichts zu tun, außer, dass es genauso eine besondere Sportart ist.

Ich fahre ein Gespann. Als Fahrerin sitze ich auf dem Motorrad und gebe in erster Linie Gas und Bremse. Dazu kommt dann noch ein Beifahrer. In meinem Fall ist meine jüngere Schwester dafür verantwortlich, dass wir als Team um eine Kurve kommen. Das funktioniert, indem der Beifahrer sein Gewicht nach rechts oder links verlagert. Beide Seiten müssen sich blind verstehen und vor allem vertrauen. Es ist wichtig, dass niemand dem anderen die Schuld zuschiebt, wenn es zu Fahrfehlern oder Unfällen kommt. Man muss jedes Mal damit rechnen, dass etwas passiert. Diesen Gedanken sollte man auch beim Fahren nicht außer Acht lassen. Wird der Gedanke aber zur Angst, sollte man es besser nicht tun.

Die Holländer haben es drauf

Motocross ist nicht ganz billig. Das Motorrad muss betankt werden. Trainingsgebühr und Versicherungskarte müssen bezahlt werden. Möchte man später noch Rennen fahren, muss man eine Lizenz ziehen und einem Verein beitreten. In Deutschland gibt es nur eine Handvoll Motorsportvereine, in denen Gespanne erwünscht sind. Die Solofahrer mögen uns nämlich nicht sonderlich. Sie jammern immer, weil wir ihnen die Strecke kaputt machen. Ich sage mir immer: „Hey, wir fahren doch Cross!“ Ich selber bin mit meiner Familie Mitglied im MSC Wisskirchen. Infos dazu findet ihr beim Deutschen Amateur-Moto-Cross-Verband e.V.

Das sieht man selten: ein Motorcross-Gespann

Das sieht man selten: ein Motocross-Gespann © Sabrina Schildhelm

Wer Erfahrung im Sand sammeln will, fährt gerne mal in die Niederlande oder nach Belgien. Dort sind Strecken wie Genk (B) sehr beliebt. Ich fahre dieses Jahr mit meiner Schwester in den Niederlande bei den Sidecarkids. Unsere Nachbarn fördern den Gespannnachwuchs sehr. Hier fahren Kinder und Jugendliche im Alter von fünf bis 16 Jahren um den Sieg. Manche machen den großen Jungs sogar Konkurrenz. Denn eines ist sicher, die Holländer können es einfach. Dort sind auch Mädchen und Frauen mehr vertreten als in Deutschland. Aber wie überall sind wir auch hier auf dem Vormarsch.

Ein typischer Renntag

Ganz egal ob bei den Großen oder Kleinen, der Renntag läuft fast immer gleich ab. Früh morgens beginnt man mit einem Pflichttraining, bei dem es nicht um Geschwindigkeit geht. Es ist Pflicht, dieses Training zu fahren, um die Strecke kennenzulernen. Nach mehreren Stunden Pause erfolgt dann das Zeittraining. Hier gilt es eine möglichst schnelle Runde zu fahren. Wie viele Runden, ist jedem selbst überlassen, da nur die Schnellste gewertet wird. Beim Zeittraining wird ermittelt, in welcher Reihenfolge die einzelnen Teams ans Startgatter fahren dürfen. Bis dahin ist alles Kindergarten ... Ab Nachmittag beginnen dann die Läufe. Der Streckensprecher fordert durch die Lautsprecher die Klasse Seitenwagen auf, sich sofort in den Vorstart (Park verme) zu begeben. In dieser Phase wird nicht mehr viel geredet. Alle Teilnehmer sind äußerlich sehr ruhig und erscheinen todmüde. Das sieht jedoch nur so aus. In Wirklichkeit ist die Anspannung sehr groß.

Die Teams begeben sich an den Start, suchen sich ihren Startplatz und warten, bis es losgeht. Sobald der Rennleiter die 15-Sekunden-Tafel hochhält ist die ganze Anspannung weg, man ist topfit und hochkonzentriert. Nach 10 Sekunden wird die Tafel gedreht und somit bleiben noch maximal fünf Sekunden bis zum Start. In dieser Zeit wird die Startbarriere nach hinten weggeklappt. Wenn es soweit ist drehen 30 Motoren hoch, geben Gas und wollen gleichzeitig durch die erste Kurve. Der Start ist nicht ganz ungefährlich.

Anschließend 18 Minuten Rundenfahren plus eine Runde extra. Völliges Vertrauen auf den jeweiligen Partner und seine Kräfte gleichmäßig zu verteilen ist nicht ganz einfach. Nach 10 Minuten denkt man: Ich möchte nicht mehr. Aber die meisten schaffen es bis zum Schluss. Ist der erste Lauf beendet, hat man zwei bis drei Stunden Zeit sich zu erholen und eventuelle Reparaturen durchzuführen. Dann folgt der zweite Lauf und das Prozedere beginnt von vorne. Am Ende werden aus beiden Läufen die Gesamtplatzierungen errechnet.

Zum Schluss gibt es noch eine Siegerehrung. Und am Ende des Jahres die Meisterfeier. Manche niederländische und belgische Teams feiern nach einer Saison noch einen Opstapdag. Dort wird dann ein Feld gemietet. Jeder kann da mit einem Gespann fahren und zum krönenden Abschluss darf eine Party im Festzelt nicht fehlen.

Tags: Sport

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