Gesellschaft

„Ich möchte nicht nur die Oberbürgermeisterin der Senioren sein."

Autorengruppe k50-Magazin · 09.03.2017

Oberbürgermeisterin Henriette Reker (r.) und Pressesprecher Gregor Timmer © Frank Liffers

Oberbürgermeisterin Henriette Reker (r.) und Pressesprecher Gregor Timmer © Frank Liffers

k50-Magazin trifft Oberbürgermeisterin Henriette Reker. Ein Gespräch über Jugendengagement und Beteiligung.

Es ist ein warmer Frühlingstag in Köln. Die Sonne scheint durch die raumhohen Fenster, Stühle und Tische sind zu einem großen O aneinandergereiht, Kaffee und Wasser stehen bereit. Wir befinden uns im Konferenzraum von Oberbürgermeisterin Henriette Reker, knapp 600 Meter vom Dom entfernt. Wenn k50-Magazin hier nicht gerade ein Interview führt, empfängt die Oberbürgermeisterin dort ihre „Minister“, die Dezernenten. An der Wand hängen Poster von verschieden Veranstaltungen und Organisationen aus Köln. „Damit man auch hier sieht, wie jung und bunt Köln ist“, erklärt Reker lächelnd.

Das Historische Rathaus, in dem auch ihr Büro liegt, wurde bereits 1393 von den Kölner Zünften errichtet, um ihre damalige Stadtherrschaft zu unterstreichen. Zwar wurde das Rathaus in den letzten Jahrhunderten mehrmals renoviert, dennoch sind auch heute noch originale Überlieferungen vorhanden, wie beispielsweise der Turmkeller. An diesem historischen Ort treffen wir die Oberbürgermeisterin. Sie begrüßt uns herzlich, lacht viel. Reker wirkt sehr entspannt, auf Fragen antwortet sie mit einer lockeren Selbstverständlichkeit. Dabei erzählt sie uns von ihren politischen Anfängen, wie wichtig die Beteiligung von Jugendlichen an Gesellschaft und Politik ist und was die Kölner Schüler und Schülerinnen in der Zukunft erwarten dürfen ...

k50-Magazin: Wann haben Sie angefangen, sich für Politik zu interessieren?
Henriette Reker: Als Jugendliche habe ich mich für Politik interessiert, weil ich aus einem Elternhaus komme, welches politisch immer interessiert und sozialdemokratisch geprägt war. Ich bin in Bickendorf groß geworden und dort gab es immer schon die Einbindung der Jugendlichen in die Politik. Bei Kommunalwahlen hat man beispielsweise an Ständen geholfen. Ich konnte mich aber damals schon nicht für eine Partei entscheiden.

Sie sind bis heute parteilos geblieben. Woran liegt das?
Mir ging es schon immer um die Sache und nicht um eine Ideologie.

Wann haben Sie dann angefangen, sich in der Politik zu engagieren?
So richtig „infiziert“ wurde ich als Studentin. Damals wurde Dünnsäure bei Bayer Leverkusen im Rhein verklappt und alle nahmen das irgendwie so hin. Greenpeace segelte dann mit einem alten Dreimaster von Köln nach Leverkusen und versuchte, das zu stoppen. Und das hat mich so mitgenommen, dass ich gesagt habe: „Wenn man durch Diskussionen gesellschaftliche Prozesse nicht ändern kann, dann muss man eine Aktion machen, die so viel Aufmerksamkeit erregt, dass auch so ein Unternehmen in Argumentationszwang kommt.“ Und das war im Grunde für mich so eine Initialzündung. Mir wurde klar, dass ich mich an solchen Dingen beteiligen muss. So richtig bin ich dann zur Politik gekommen durch meinen Beruf als Juristin und die Arbeit als Beigeordnete in der Stadt Köln. Beigeordnete sind die „Minister“ der Städte und die Vermittler zwischen Politik und Verwaltung.

„Ich halte politisches Engagement von jungen Menschen für ganz wichtig, weil es um ihre Stadt, um ihre Welt geht, die gestaltet wird. Je mehr junge Menschen mit ihrem besonderen Blick mitgestalten, desto besser ist das für die Zukunft der Stadt Köln."

Wie ist Ihr Eindruck vom politischen Engagement der Jugendlichen heute?
Ich glaube, dass es ein großes politisches Engagement gibt. Dass Sie hier sitzen ist ja ein Zeichen für Ihr politisches Engagement. Und ich halte das auch für ganz wichtig, weil es um Ihre Stadt, um Ihre Welt geht, die gestaltet wird. Je mehr junge Menschen mit ihrem besonderen Blick mitgestalten, desto besser ist das für die Zukunft der Stadt Köln. Ich finde es deshalb auch unheimlich wichtig, dass Kommunalwahlen ab 16 Jahren möglich sind. Das ist vielen gar nicht bewusst. Nicht ab 18, wenn man volljährig ist, sondern ab 16 Jahren kann man in der Kommune schon mitwählen. Und vorher sollte man sich informiert haben, worum es geht und wer welche Ideen vertritt. In der Schule gibt es politische Bildung und Sie sind hier für mich das beste Beispiel mit Ihrer Schülerzeitung. Sie sprechen Ihre Mitschüler an und setzen sich aus verschiedenen Schulen zusammen, um das gemeinsam zu machen.

Aber wie wollen Sie Jugendliche konkret einbeziehen?
Ich möchte erreichen, dass es in der Stadt Köln eine noch breitere Beteiligung von Jugendlichen gibt. Nicht nur bei Jugendthemen, sondern bei gesamtstädtischen Themen. Wir arbeiten im Moment daran, dass eine Stadtarbeitsgemeinschaft Jugendpolitik eingerichtet wird, in der Jugendthemen angemeldet und besprochen werden. Hier sollen Jugendliche Impulse geben. Andererseits sollen Jugendliche, die zu dieser Stadtarbeitsgemeinschaft gehören, in ganz normale Ausschüsse der Stadt entsendet werden. Da müssen sie dann das Rederecht bekommen, auch wenn sie noch unter 18 sind. Das ist aber kein Problem, das muss man eben vorher mit der Politik besprechen. Und dann wird das vor jeder Sitzung sozusagen klar gemacht: Das sind jetzt Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Jugendpolitik, die bekommen Rederecht. So kann der Blick der Jugendlichen in allen Belangen der Stadt mitgedacht werden. Das finde ich wichtig. Und man lernt dabei natürlich auch, wie Kommunalverwaltung, Kommunalpolitik und Demokratie funktioniert. Dass es eben normal ist, wenn man nicht mit allen Ideen und Vorschlägen durchkommt. Dass man eine Mehrheit braucht und wie man diese Mehrheit auch erreicht, indem man mit Argumenten streitet.

Wie gewinnen Sie die Jugendlichen, daran teilzunehmen?
Es gibt Jugendorganisationen, die Teilnehmer entsenden. Außerdem wollen wir eine ganz offene Möglichkeit bieten, wie sich Jugendliche dort einfinden können. Ich bin guter Hoffnung, dass sich genügend Jugendliche für diese Dialoge finden. Sie sind ja das beste Beispiel oder auch die Schülervertretungen. Sie alle machen deutlich, dass sich Jugendliche sehr wohl für Politik interessieren.

Was sagen Sie zu dem Vorurteil, Jugendliche interessierten sich nicht für Politik?
Ja, ich glaube, dass es nicht stimmt. Sie interessieren sich. Aber es gab immer Jugendliche, die mehr mitgemacht haben und andere weniger. Es gibt manche, die machen Sport ohne Ende und konzentrieren sich sehr darauf. Und das dürfen sie ja auch. Jeder darf sein Leben so gestalten, wie er es für richtig hält. Es gibt Jugendliche, die sich um ihre Geschwister kümmern. Und andere wiederum machen Politik. Und so ist das bei Jugendlichen, wie in unserer sonstigen Erwachsenengesellschaft auch: Es gibt verschiedene Interessenlagen.

Interview im Historischen Rathaus © Frank Liffers

Tags: Politik

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