Gesellschaft

„Ich muss nicht den Berufsjugendlichen abgeben"

Lucas Tenberg (k50-Redakteur) · 25.02.2016

k50-Redakteur Lucas Tenberg mit Wolfgang Niedecken © Foto: Fabian Stock/Grafik: Saskia Overath

k50-Redakteur Lucas Tenberg mit Wolfgang Niedecken © Foto: Fabian Stock/Grafik: Saskia Overath

Lucas Tenberg spricht für k50-Magazin mit dem Bandgründer und Sänger Wolfgang Niedecken über 40 Jahre BAP, die aktuelle Flüchtlingspolitik und natürlich über Niedeckens Heimatstadt Köln.

k50-Magazin: Ist das neue Album ein Rückblick auf die letzen 40 Jahre BAP und dein Leben?

Wolfgang Niedecken: Da spielt die Summe der Erfahrungen, die man in all den Jahren gemacht hat, eine große Rolle. Ich werde im März 65. Normalerweise geht man da in den Ruhestand. Aber das werde ich natürlich nicht tun, denn es macht ja noch Spaß. Aber man schöpft Ideen schon aus den Erlebnissen der Zeit, den Dingen, die einen interessieren und auch den Geschehnissen, die in der Welt passieren. Wenn ich Lieder schreibe, fliegen mir so viele Ideen durch den Kopf. Da schlägt sich alles nieder. Langeweile kenne ich nicht!

Ihr macht Rockmusik und seid damit über die Grenzen von Deutschland hinaus erfolgreich. Gibt es Neid von den kölschen Karnevalsbands?

Das weiß ich nicht, aber wir haben ja auch nie im Karneval gespielt. Das wollte ich nie und da hätte ich mich auch nicht wohlgefühlt. Früher hatte ich größere Berührungsängste mit dem Karneval. Auf einem Album hatten wir sogar ein Anti-Karnevalslied. Diese Köln-Besoffenheit und Ranschmeißerei nervt mich. Mittlerweile wurde der Karneval aber ordentlich durchgelüftet und ist frischer geworden. Junge Bands wie Kasalla oder Cat Ballou finde ich super!

Wie stehst du zur aktuellen Flüchtlingsdebatte? Muss es eine Obergrenze geben?

Nein. Sollte man allen Ernstes den Ersten jenseits der Obergrenze dahin zurückschicken, wo sein Leben bedroht ist? Die Menschen fliehen vor einem schlimmen Krieg aus Syrien. Was ich nicht gut finde ist, dass die Gemeinden mit den enormen Kosten oft alleine gelassen werden. Aber wir haben große Kapazitäten und sind belastbar. Jedoch muss man gucken, dass es zu Flüchtlingskontingenten kommt. Die osteuropäischen Länder dürfen sich da nicht aus der Verantwortung stehlen. Was die sich momentan denken, geht gar nicht. Da muss man diesen Ländern halt mal EU-Subventionen kürzen!

Europa ist nicht nur eine Gewinngemeinschaft, sondern auch eine Solidargemeinschaft. Auf dem neuen Album gibt es den Song „Vision vun Europa“. Dort geht es um die Probleme auf der Flucht. Die Geschichte hatte ich seit neun Jahren im Kopf. Der Song handelt von zwei afrikanischen Jungs, die nach Europa wollen und in einem löchrigen Schlauchboot mit einem Tanker kollidieren.

Siehst du Gruppierungen wie Pegida oder die AFD als eine Bedrohung oder sind die nur ein kurzes Phänomen, ausgelöst durch die Flüchtlingskrise?

Das muss man ernst nehmen. Diese Gefahr darf man nicht unterschätzen. Es kann in Europa dazu kommen, dass auf einmal überall Rechtspopulisten an die Macht gewählt werden. Sollte es dazu kommen, wird es sehr brenzlig. Populisten sind Menschen, die für Probleme zu einfache Lösungen haben. Denen muss man sofort misstrauen. Die Welt ist kompliziert! Man kann die Welt nicht in schwarz und weiß einteilen. Das muss man den Menschen immer wieder sagen. Und man darf nicht vor bitteren Wahrheiten kneifen. Ich sehe es als sehr wichtig an, dass man sich immer informiert. Was im Nahen Osten vorgeht, ist sehr kompliziert. Da müssen wir lernen, wer dort was will. Der IS wird von reichen Leuten aus Saudi-Arabien und Quatar mitfinanziert und wir kaufen wiederum solchen Staaten Öl ab und liefern Waffen. Das geht so nicht. Man kann nicht mit Staaten Geschäfte machen, die Terroristen unterstützen.

Sollte man vor allem jungen Menschen helfen, sich zu informieren?

Natürlich. Aber man kann niemanden dazu zwingen. Irgendwann sollte man sich selbst anknipsen und herausfinden, wie sich die Krise zum Beispiel im Nahen Osten zusammensetzt. Politisieren muss sich der Mensch selbst.

Sollten sich prominente Personen in der Öffentlichkeit zu Problemen äußern und Position beziehen?

Das muss man jedem selbst überlassen. Natürlich hat man als Prominenter eine viel größere Reichweite, aber da darf man keine Pflicht draus machen, denn wir sind ja nicht schlauer als andere. Als Musiker kann man den Menschen Gedankenanstöße geben und dabei helfen, nicht zu verhärten.

Was zeichnet Köln für dich aus und was unterscheidet die Stadt von anderen?

Köln ist etwas Besonderes. Seit 2000 Jahren ist diese Stadt ein Melting Pot. Von überall her sind Menschen nach Köln gekommen und mussten miteinander klarkommen. Als Stadt ist sie sehr unvoreingenommen und das hilft. Aus irgendeinem Grund sind die Menschen auch extrem in die Stadt verliebt. Ich bin es selber, aber weiß auch nicht so richtig, warum. Es macht mich glücklich, dass Köln mein Heimathafen ist. Hier kann man gut aufbrechen, kommt aber auch gerne wieder zurück. Köln ist gemütlich, verklüngelt und ich kenne hier viele Menschen, die ich mag. Auf dem neuen Album gibt es den Song „Tausende von Liebesliedern“, der handelt von all diesen Aspekten.

Denkst du langsam ans Aufhören?

Nein, da denke ich nicht dran. Ich hoffe, dass ich noch möglichst lange meinen Beruf ausüben kann und mache mir da auch keine Vorschriften, denn ich muss keinen Berufsjugendlichen abliefern. So was wäre mir peinlich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das neue Album "Lebenslänglich" gibt es sowohl als CD, auf Vinyl als auch zum Download. Echte Fans können sich auch eine Limited Box Edition mit CD, DVD und allerlei Extras freuen.

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