Gesellschaft

Online-Therapie: Schnelle Hilfe im Netz?

Lea Bindl · 24.08.2017

Therapie von zu Hause aus? Online-Angebote wollen das ermöglichen. / Foto: iStockPhoto.com © Nadezhda1906

Therapie von zu Hause aus? Online-Angebote wollen das ermöglichen. / Foto: iStockPhoto.com © Nadezhda1906

Rund drei bis sechs Prozent junger Erwachsener in Deutschland leiden an einer psychischen Erkrankung. Doch lange Wartezeiten machen ein schnelles Eingreifen oft schwierig. Zur Zeit schießen immer mehr Online-Therapie-Angebote aus dem Boden – aber was ist davon zu halten?

Ob Studienbeginn, Ausbildung oder der Auszug aus dem Elternhaus. Für viele junge Erwachsene ist dieser Lebensabschnitt mit einem mulmigen Gefühl verbunden. Unsicherheit, Angst oder auch das Fehlen der Familie machen vielen zu schaffen. Nicht jeder muss sich gleich Gedanken über professionelle Hilfe machen, das ist klar. Aber was, wenn sich das Gefühl dauerhaft in den Alltag einschleicht und man feststellt: Da muss sich etwas ändern! Immerhin leiden rund drei bis sechs Prozent junger Erwachsener an einer psychischen Erkrankung. Die Dunkelziffer ist noch viel höher.

Das Problem mit der Versorgung

„In Deutschland haben wir definitiv ein Versorgungsproblem, was die psychotherapeutische Hilfe für junge Erwachsene ab 20 Jahren angeht“, so Dr. Peter Tossmann, Psychologischer Psychotherapeut und Geschäftsführer der Delphi-Gesellschaft, die Forschungsprojekte insbesondere im Jugend- und Gesundheitsbereich durchführt. Es gibt kaum unabhängige und kostenlose Beratungsangebote. Therapieplätze lassen zudem lange auf sich warten. Je nach Region ist mit Wartezeiten von vier bis fünf Monaten zu rechnen. Online-Therapie-Angebote dagegen versprechen schnelle Hilfe, ohne Wartezeit und teilweise mit professionellen Therapeuten. Da das Angebot vielfältig und die Qualität für Patienten schwer einzuschätzen ist, haben wir uns mit Dr. Tossmann über die neue Form der Therapie unterhalten.

Therapie 2.0

Generell muss man bei sogenannten Online-Therapien zwischen zwei verschiedenen Angeboten unterscheiden: Auf der einen Seite gibt es vollautomatische Programme, die mit einem ausgeklügelten Datenbanksystem Hilfe zur Selbsthilfe geben. „Dahinter stecken keine Menschen, sondern eine riesige Datenbank. Das kann sinnvoll sein, ist aber keine Therapie“, erklärt Tossmann. Ein Beispiel dafür, das zudem wissenschaftlich entwickelt und begleitet wird, ist deprexis24.de. „Leute, die sich da wirklich durchbeißen, werden wahrscheinlich auch erfolgreich sein“, schätzt Tossmann.

Online, aber mit Gesprächsmöglichkeit

Auf der anderen Seite gibt es Online-Angebote, bei denen der Patient in Dialog mit ausgebildeten Psychotherapeuten steht. Das zieht sich meist über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen. Beratung-hilft.de ist ein solches Angebot, hier steht auch Dr. Tossmann als Berater zur Verfügung.

Neben diesen beiden Formen der Online-Therapie gibt es auch Mischformen: In der Regel bestehen solche Angebote aus verschiedenen Modulen, die auf das jeweilige Problem des Betroffenen zugeschnitten sind. Der Klient bearbeitet zum Beispiel Fragebögen oder absolviert Übungen am Computer. Einmal pro Woche ist ein Gespräch mit einem echten Therapeuten vorgesehen. Das Start-up Unternehmen Selfapy beispielsweise bietet solch eine Form der Therapie an.

Schnell, einfach und günstig

Die Digitalisierung hat damit auch die Psychotherapie erreicht. Warum auch nicht, alles geht schneller, einfacher und kostengünstiger. Die Vorteile einer Online-Therapie werden auch von den Anbietern deutlich hervorgehoben: Es kann jederzeit mit dem Programm begonnen werden, die Suche nach dem passenden Therapeuten und lange Wartezeiten sind also passé. Da man die Therapie ganz einfach vom heimischen Computer oder mobilen Endgeräten aus starten kann, befindet man sich dabei in gewohnter Atmosphäre. Und was meint der Experte? „Die Online-Angebote können generell sehr hilfreich sein. Vor allem junge Erwachsene suchen Hilfe ja zu allererst im Internet.“

Tags: Medien , Soziales

Kategorien: Gesellschaft , Job/Schule/Uni