Gesellschaft

Süchtig nach Jihad

Carlotta Cornelius (k50-Redakteurin) · 24.08.2017

Szenenbild "Süchtig nach Jihad" / Youtube

Szenenbild "Süchtig nach Jihad" / Youtube

Mit seinem Dokumentarfilm wirft der Kölner Hubertus Koch einen ungeschönten Blick hinter die Kulissen des syrischen Flüchtlingslagers Bab Al Salameh. Dorthin, wo die Politik versagt und der Einzelne machtlos ist.

Mehr durch Zufall, denn durch Recherche, werde ich auf den Film aufmerksam, der auf den ersten Blick eher Reisetagebuch als Dokumentation zu sein scheint. Und doch hat „Süchtig nach Jihad“ seit seiner Veröffentlichung 2014, bereits einige Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als auch ich mich schließlich dafür zu interessieren beginne. Zu einem Zeitpunkt, als die Flüchtlingskrise bereits in aller Munde ist und die Frage nach den Ursachen endlich auf das Interesse einer breiten Öffentlichkeit stößt. Wie konnte es soweit kommen?

Sich ein echtes Bild machen

Entgegen meiner Erwartungen, finde ich den Film schließlich auf YouTube. Nicht etwa in der Mediathek eines der großen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Er ist weder gesponsert, noch sonst irgendwie beeinflusst, beruht allein auf der Idee und dem einfachen Equipment eines einzelnen, der sein Leben riskiert, um sich und anderen ein Bild zu machen. Ein echtes Bild, frei von Quotendruck, Drehbuch und Ansprüchen der Objektivität, wie sie sonst im Fernsehen gang und gäbe sind. Und obgleich der erste Eindruck amateurhaft erscheint, wird mir das Ausmaß dieser Tatsachen erst im Verlauf des Filmes wirklich bewusst.

Der Einzelne, von dem wir hier sprechen, ist Mitte 20. Zuvor tätig fürs Sportfernsehen, ist dies die erste Arbeit von Hubertus Koch, mit der er eigener Aussage nach, „der Belanglosigkeit zu entfliehen versucht". Gleichwohl ist sie ein beeindruckendes Zeugnis dafür, wie viel ein einzelner bewegen kann. Nur gerüstet mit ein paar Kameras, einer Idee und einem Kontaktmann: Mahmoud Dahi. Ein Familienvater und selbst ehemaliger Flüchtling syrischer Herkunft, der mit einem eigens gegründeten Hilfsprojekt regelmäßig Hilfsgüter in das Flüchtlingslager Bab Al Salameh, in der syrischen Provinz Aleppo bringt. Und eben dort soll es hingehen.

Scheiß auf die Objektivität!

Mit einem Löschzug und einem Krankenwagen im Rückspiegel, fahren Hubertus und Dahi zunächst zur türkischen Grenze, der ersten Hürde, die es auf dem Weg nach Syrien zu nehmen gilt. Dorthin, wo die Grenzen zu verschwimmen beginnen und man selbst in den Flüchtlingslagern nicht vor Anschlägen durch die Milizen des Assad-Regimes sicher ist. Die meisten Flüchtlinge in Bab Al Salameh sind schon seit Jahren dort, warten auf den Frieden und eine bessere Zukunft. An einem Ort, der einer Sackgasse gleicht und allein die Kinder das Lachen noch nicht verlernt zu haben scheinen. Und genau da beginnt es: Scheiß auf die Objektivität! Denn wie kann man objektiv bleiben, wenn um dich herum die Zelte brennen und der Krieg allgegenwärtig ist? Wenn Kinder zwischen Abfällen und Fäkalien Kriegsspiele spielen und kleine Jungen mit der Zigarette im Mund zu Killern werden? Koch bringt die Sache auf den Punkt: „Nach nur fünf Stunden drüben ist mein Kopf gefickt.“

Das vergessene Syrien

Und zugleich zeigt dieser Erlebnisbericht die wahren Gründe auf, weshalb der Wiederaufbau in Syrien scheitert und Freiheit nicht mehr als eine vage Hoffnung bleibt. Deutsche staatliche Hilfsorganisationen sucht man hier vergeblich und die eigentlichen Hilfslieferungen stauen sich entweder an der türkischen Grenze oder verschwinden irgendwo unterwegs auf Nimmerwiedersehen. „Das vergessene Syrien“ heißt es im Film und so schwächt auch nichts den Glauben vieler, dass religiös-extremistische Gruppen an der Spitze letztlich das kleinere Übel sind. Ein ewiger Kreislauf also und so heißt es ganz richtig: „Wo die Politik versagt, ist der Einzelne machtlos.“

Ich weiß gar nichts

Im Gegensatz zu anderen Dokumentationen, die sich um vermeintlich wissenschaftliche Distanz bemühen, hält Koch voll drauf. Schämt sich auch nicht, vor der Kamera Tränen zu zeigen, wenn die Erlebnisse ihn überwältigen. Er zeigt die ungeschönte Wahrheit, kehrt sich ab von dem, was er selbst zuvor durch die Medien zu wissen glaubte. Der Begriff „Jihad" beispielsweise, von ISIS-Kämpfern für ihren heiligen Krieg missbraucht, ist in seiner wahren Natur friedfertig. Er beschreibt den Kampf eines Jeden mit sich selbst um den inneren Frieden und seine Verbreitung. „Der Film eines kleinen Jungen“ heißt es im Untertitel. Passend, wie mir scheint, denn zugleich wird auch mir im Laufe des Films bewusst, dass ich eigentlich gar nichts weiß.

Er ist also sehenswert, dieser Film eines kleinen Jungen, der alles, was man bisher über Syrien und den Heiligen Krieg zu wissen glaubte, zu revidieren scheint. Auf einfache Weise gibt er uns das, was in den Medien heutzutage Mangelware ist und spricht zugleich in seiner Machart vor allem junge Menschen an. Macht was! Egal was, aber tut endlich was! Denn letztlich braucht es doch nur einen Einzelnen mit einer Idee, um etwas zu verändern.

 

Wir haben bei Hubertus Koch eine Interviewanfrage gestellt. Er würde ja gern, aber gerade ist er wieder unterwegs. Irgendwo im Nahen Osten und macht sich ein Bild von der Lage. Schaut einfach öfter mal auf der Seite von der jungen Stadt Köln rein oder folgt uns auf Facebook. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Tags: Film , Migration

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