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Empathie für den Bösewicht

Maike Walbroel (k50-Redakteurin) · 24.08.2017

Drehbuchautor Edgar von Cossart © privat

Drehbuchautor Edgar von Cossart © privat

Drehbuchautoren sorgen dafür, dass wir einen Film bis zum Ende anschauen. Aber wie erzeugt man Spannung und wie weit darf man gehen? Ist es zum Beispiel ok, Hitler als sympathische Figur in einer fiktiven Geschichte darzustellen?

Die Medien – das sind längst nicht nur die abendlichen Nachrichten oder das Radio. Genauso dazu gehören auch die Unterhaltungsmedien, also Filme und Hörbücher. Wenn wir Filme im Fernsehen oder im Kino sehen, entscheiden meist wenige Faktoren darüber, ob uns der Film gefällt, oder ob wir – im schlimmsten Fall – abschalten. Da schließlich niemand einen langweiligen Film mit durchschnittlichem Protagonisten und vorhersehbarer Handlung sehen möchte, gibt es Drehbuchautoren.

Handlungsaufbau

„Die erste Idee kommt meistens aus der Zeitung“, sagt Edgar von Cossart, der nach seinem Studium der Theaterwissenschaften für verschiedene TV-Sender als Drehbuchautor arbeitete. „Ein guter Film braucht drei Dinge: Einen Held, ein Ziel und einen Konflikt.“ Diese Formel lässt sich tatsächlich auf viele Filme anwenden, die mir einfallen: Bilbo Beutlin begleitet im Film „der Hobbit“ die Zwerge, um deren verlorene Heimat zurückzugewinnen. Dabei stehen ihm zahlreiche Gefahren, Hindernisse und auch Konflikte im Weg. Auch Krimis funktionieren auf diese Weise: Stets hat ein Held, beispielsweise ein Polizist oder Detektiv, das Ziel, einen Mörder zu fangen und wird durch verschiedene Umstände davon abgehalten.

Herausforderung Fortschritt

Mit der rasanten Entwicklung des Films vom Schwarzweiß- und Stummfilm im letzten Jahrhundert zum 3D-Film mit 48 Bildern pro Sekunde hat sich für Drehbuchautoren einiges verändert. Durch die Geschwindigkeit des modernen Films wird die Handlung immer schneller. Ohne Frage ist es eine Herausforderung, ein Drehbuch zu schreiben. Im Gegensatz zu einem Buch soll ein Drehbuch schließlich verfilmt werden. Deshalb muss der Autor beim Schreiben immer schon das Ende kennen. „Film ist Handlung und er soll die Handlung erlebbar machen. In nur 90 Minuten muss man auf das Ziel zuschreiben“, erklärt von Cossart.

Drehbuchschreiben als Beruf

Wer selbst Drehbuchautor werden möchte, der braucht mehr als nur eine gute Idee. Erst mit dem richtigen Handwerkszeug gelingt das eigene Drehbuch. Vor allem Kenntnisse der Dramaturgie sind wichtig. Das sind Regeln, die festlegen, wie man eine Geschichte am besten aufbaut, aber auch Spannung und Emotionen erzeugt. Da Drehbuchautor kein klassischer Ausbildungsberuf ist und kein Studium voraussetzt, kann im Prinzip jeder ein Drehbuch für einen Film schreiben. Wer seine Idee aber an einen Fernsehsender verkaufen und so sein Geld verdienen will, der kann die wichtigsten Techniken in diversen Kursen oder an privaten Schulen erlernen. Obwohl die Regeln zum Aufbau von Drehbüchern immer die gleichen bleiben, ist Edgar von Cossart überzeugt, dass sein Beruf nicht monoton ist, denn „Geschichten erzählen wird nie langweilig“.

Spannungserzeugung

Wie aber schafft man es, dass die Zuschauer wirklich mitfiebern, also hoffen, dass Bilbo und die Zwerge den Drachen Smaug besiegen und dass keinem der Helden etwas zustößt – kurz, wie wird ein Film eigentlich spannend? Ein Mittel ist die sogenannte „dramatische Ironie“, das bedeutet, der Zuschauer weiß mehr, als der Held im Film, ist ihm also einen Schritt voraus. Aber genauso funktioniert es umgekehrt: Wenn der Held des Films ein Geheimnis hat, möchte der Zuschauer dieses natürlich kennen und fiebert dem Moment entgegen, in dem es enthüllt wird. Mindestens genauso wichtig wie die Spannung sind Emotionen – nicht nur für Liebesfilme! „Früher war es wichtig, dass man sich mit dem Helden eines Filmes identifizieren konnte, später sollte er wenigstens sympathisch sein. Heute kann selbst ein Bösewicht wie der Pate der Held sein – er braucht allerdings auch positive Eigenschaften“, so von Cossart.

Hitler als Bösewicht

Dass sich längst auch Verbrecher als Hauptfigur einer Geschichte eignen, erfuhr Timur Vermes. Mit Hitler als „Held“ seines Romans „Er ist wieder da" landete er 2011 einen Bestseller. Doch gerade weil er so unterhaltsam und bisweilen sehr komisch ist, stellt sich die Frage: Darf man über Hitler überhaupt lachen? Lisa Wolfson vom Institut für Medienkulturwissenschaft der Universität zu Köln erklärt dazu: „Hitler ist für uns immer noch eine düstere Faszination. Das hat mit dem Reiz des Grauenhaften und des Verbotenen zu tun. Früher ging es bei einem Tabu darum, was gezeigt werden durfte, heute nur noch darum, wie.“ Mit der Wahl Hitlers als Protagonist streift Vermes – wie auch ein Drehbuchautor – Realität und Fantasie, indem er die historische Person in einer fiktiven Umgebung zum Leben erweckt.

Gefahren und Chancen

Auch wenn das Lachen über Hitler – vollkommen zu Recht – stets mit einem bitteren Beigeschmack behaftet ist, bietet eine komische Darstellung seiner Person auch Chancen. Der Mythos um den Diktator wird durch Mittel der Satire beispielsweise geschrumpft. In Vermes´ „Er ist wieder da" wirkt Hitler in seiner anfänglichen Orientierungslosigkeit nicht nur komisch, sondern auch menschlich. „Natürlich ist es problematisch, dass der Zuhörer an einigen Stellen des Romans mit ihm sympathisiert“, gibt Wolfson zu bedenken. „Aber die Informationen, die Vermes uns liefert, laden dazu ein, sich weiter zu informieren. Der Hitler in „Er ist wieder da“ spricht eben auch Wahrheiten aus.“ Da lachen über Hitler schließlich nicht bedeutet, dass man über die Opfer des Nationalsozialismus lacht, trägt auch ein Roman wie der von Vermes dazu bei, sich mit der NS-Zeit auseinander zu setzen. Wolfson fasst zusammen: „Mein Vorschlag ist, dass wir immer wieder über die Stärken und Schwächen unterschiedlicher medialer Hitler-Darstellungen diskutieren.“

Du willst ein Drehbuch schreiben?

Egal, ob du bereits eine Idee hast oder dich einfach nur dafür interessierst, wie es geht – Drehbuchautoren bieten auch Kurse an, denn: Drehbuchschreiben kann man lernen!

Kurse gibt es zum Beispiel bei der Volkshochschule Köln und bei der SK Stiftung Jugend und Medien.

Tags: Film

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