Kunst/Literatur & Co.

„Die coolen Leute in diesem Land müssen einfach lauter werden"

Lucas Tenberg · 25.10.2016

Linhof zu Besuch in Köln. Fotos © Fabian Stock

Linhof zu Besuch in Köln. Fotos © Fabian Stock

Lucas Tenberg spricht für Junge Stadt Köln mit Rüdiger Linhof von Sportfreunde Stiller über Musik, Fußball und Engagement gegen Rechts.

Lucas: Sturm und Stille ist der Name eures neuen Albums. Ist damit auch der Spagat zwischen dem Familienleben und der Musik gemeint?

Linhof: Wenn man auf die Zeit schaut und feststellt, dass wir jetzt schon seit 20 Jahren zusammen Musik machen, dann merkt man, dass mit der Band und auch im Privaten so viel passiert ist. Man muss seinem Leben auch etwas besonderes geben. In unserem Leben haben wir den Kontrast. Auf der Bühne herrscht der totale Sturm aber danach genießt man auch die Stille. Und ich mag es, dass man im Leben abgeht aber auch seine Ruhe hat.

Die Single „Das Geschenk“ ist sehr ruhig und besonders der Anfang vom Stil her neu. Es erinnert fast schon an ein Gedicht. War es eine bewusste Entscheidung, den Song so zu gestalten?

Linhof: Das ist einfach so passiert. Peter hat das Lied geschrieben. Und die Emotionalität, wie sich ein Lied anhört, ist absolut nicht planbar. Das Lied hat einen Zauber, der uns sofort berührt hat.

Das Album erscheint gleichzeitig zu eurem 20-jährigen Band-Jubiläum. Ist es ein gutes Gefühl, nun schon so lange dabei zu sein, oder vermisst du auch die Anfangsjahre eurer Band?

Linhof: Einerseits gibt es Momente, in denen ich mir denke, dass es schon krass ist, dass wir 20 Jahre zusammen spielen. Aber im Vordergrund steht, dass ich mir mit 15 Jahren nie hätte vorstellen können, ein so lustiges, aufregendes und ereignisreiches Leben zu führen. Das ist wirklich toll, alles selber in der Hand zu haben.

Im Vergleich zu eurem ersten Album „So wie einst Real Madrid“, welches sehr rockig war, ist euer neues Album etwas ruhiger geworden. Habt ihr diese musikalische Entwicklung bewusst vollzogen?

Linhof: Das war keine bewusste Entscheidung. Jeder von uns schreibt Lieder und es kommt immer darauf an, ob sie uns gefallen. Dadurch hat sich dann eine Entwicklung ergeben. Auf jedem Album sind auch immer noch schnellere Lieder drauf. Es ist aber alles melodischer geworden. Wir müssen hinter den Entscheidungen stehen, was wir machen. Dabei helfen uns auch Freunde, die uns als Band seit langer Zeit begleiten und Feedback geben.

Der ganz große Durchbruch kam 2006 mit dem WM-Hit „54, 74, 90, 2006“. Dadurch wurdet ihr als Fußball-Band wahrgenommen. Welche Auswirkungen hatte dieser Song für euch?

Linhof: Unsere Band-Geschichte teilt sich in eine Zeit vor 2006 und nach 2006. Davor waren wir als coole Indie-Band bekannt. Wir wollten auch erst keine Fußball-Kooperation eingehen. Im Februar 2006 haben wir dann aber innerhalb von zwei Wochen ein Fußball-Album gemacht. Das ging uns so leicht von der Hand, über Fußball zu schreiben. Alles was danach kam, war einfach ein völlig schräger Film, von dem es auch sehr schwer war, sich zu entziehen. Auf einmal trafen wir Pele und Franz Beckenbauer kam Backstage in unsere Kabine, als wir grade dabei waren, uns umzuziehen. Zwei Sekunden vorher standen wir noch nackt da ... Nach der WM 2006 kam dann aber ein Kater. Als der Hype vorbei war und wir ein neues Album machen wollten, da wollten uns die Leute von früher nicht mehr hören und allen anderen Menschen waren wir egal. Da mussten wir uns erst mal schütteln und neu finden. Aber das gehört zu den Aufs und Abs des Lebens.

Rüdiger Linhof und Lucas Tenberg / Foto Fabian Stock

Rüdiger Linhof und Junge Stadt Köln-Reporter Lucas Tenberg. An der Kamera: Fabian Stock.

Ihr habt generationsübergreifend Fans. Wird es da nicht manchmal problematisch, die Geschmäcker aller Altersgruppen zu bedienen?

Linhof: Ich finde das wunderbar. Ich mache Musik für Menschen und nicht für eine bestimmte Szene. Das ist sehr schön, dass heute Fans der ersten Stunde mit ihren Kindern zu Konzerten kommen. Wir bekommen oft die Rückmeldung, dass wir Menschen ihr ganzes Leben begleiten. Das ist ein tolles Gefühl. Es ist uns dabei auch wichtig die Leute zu inspirieren mit Offenheit, Neugierde und Zuversicht durchs Leben zu gehen.

Ihr engagiert euch gegen Rechts und bezieht klar Stellung dagegen. Habt ihr Erfahrung damit gemacht, dass ihr deswegen angefeindet wurdet?

Linhof: Solche Erfahrungen hatten wir schon. Aber ich will das nicht an die zu große Glocke hängen. In diesem Land leben so viel mehr coole Menschen als blöde, die anfangen Politiker zu beleidigen und rechtes Gedankengut verbreiten. Ich sehe da einfach das Problem, dass den Populisten durch die Medien zu viel Raum gegeben wird. Je radikaler und asozialer deren Aussagen sind, umso mehr Headlines und Beiträge werden über sie gemacht. Die coolen Leute in diesem Land müssen einfach noch lauter werden und sich vor die Populisten stellen.

Deutschsprachige Musik wurde in den letzen Jahren immer erfolgreicher. Freut euch das oder besteht dadurch auch mehr Konkurrenz für euch?

Linhof: Ich finde das großartig. Das ist Wahnsinn, was die Bands da aufstellen. Die Konzerte sind super und es entsteht neue deutsche Lyrik. Die Leute nehmen die Musik viel besser wahr, da sie auch die Texte verstehen. An Konkurrenz denke ich da gar nicht.

Ihr habt eine längere Pause gemacht. Wie geht es jetzt weiter mit Sportfreunde Stiller?

Linhof: Es geht von Platte zu Platte. Wenn es läuft und wir Spaß haben, machen wir weiter. Aber wenn wir uns nicht mehr verstehen und keine Ideen mehr haben, dann geht es halt nicht mehr weiter.

Danke für das Gespräch!

 

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Sturm & Stille

ab 07.10.16

Tags: Interview

Kategorien: Freizeit , Kunst/Literatur & Co.