Kunst/Literatur & Co.

„Ich steh auf Bäume”

Antonia Mörsdorf/Enting Zhang (k50-Redakteure) · 20.11.2015

Antonia Mörsdorf, Enting Zhang und Tilmann Otto (v.l.n.r.) beim Interview © Pascal Buenning

Antonia Mörsdorf, Enting Zhang und Tilmann Otto (v.l.n.r.) beim Interview © Pascal Buenning

Hinter Ohrwürmern wie „Dem Gone” oder „To the Top” steckt Tilmann Otto, bekannt unter dem Namen Gentleman. Mit k50-Magazin spricht er über sein Album „MTV Unplugged” sein Leben in Deutschland und Jamaika.

Wir treffen ihn in einem Büro seines Managements in Ehrenfeld, das sich zu unserer Überraschung im Keller eines unscheinbaren Fabrikgebäudes befindet. Der Aufenthaltsraum ähnelt eher einem Wohnzimmer mit dem riesigen Sofa und den warm leuchtenden Stehlampen. Wir haben 20 Minuten für das Gespräch und machen uns Sorgen, dass wir nicht alle Fragen loswerden können. Aber Gentleman wirkt in keiner Weise gehetzt sondern lehnt sich entspannt zurück und steckt uns mit seiner ruhigen Art direkt an. Es kann losgehen!

k50-Magazin: Bitte erzähl uns etwas über dein neues Album. Warum haben es ausgerechnet diese Songs in die Auswahl geschafft?

Tilmann Otto: Das mit der Songauswahl wird immer schwieriger, weil immer mehr Songs dazu kommen und jeder etwas Besonderes hat. Diesmal haben wir mit Streichern und einem Percussion-Set unplugged zusammenzuarbeiten, das war eine ganz andere Herangehensweise als sonst. Unplugged heißt jetzt nicht, was sich alle vorstellen, dass der Sänger mit ‘ner Klampfe dasitzt, sondern es heißt unverstärkt. Zwischen Gitarre und Verstärker gibt es keine Effekte und keine Synthesizer-Sounds sondern nur natürliche Klänge. Es war eine unglaublich schöne und intensive Zeit. Wir waren gefühlt mehr Musiker auf der Bühne als Leute im Publikum, ein bisschen wie früher. Es war schon fast spirituell, was wir gemacht haben als Team.

Auf dem neuen Cover ist ja ein Baum. Hat der eine besondere Bedeutung?

Ich find Bäume gut (lacht). Sie produzieren Sauerstoff, ohne Bäume könnten wir nicht leben. Aber es ist auch so, dass für mich dieses Ding Baumwurzeln, also Roots, auch mit dem ganzen Konzept zu tun hat, dass wir wie früher mit mehreren Musikern zusammen Musik gemacht haben. Heute sitzt man für ein Album oft allein am Computer und nimmt einzelne Spuren auf, aber wir sind zurückgekehrt zum Ursprung.

Jetzt mal eine ganz grundlegende Frage: Woher kommt dein Name Gentleman?

So genau weiß ich es gar nicht mehr, aber es fing an mit einem Wortspiel. Mein echter Name ist ja Tilmann und in Jamaika wurde daraus dann „Gentilman“. Erst fand ich das ziemlich albern aber mittlerweile find ich den Namen ganz gut.

Wie bist du auf Jamaika gekommen? Und warum gerade Reggae Musik?

Es hat damit angefangen, dass ich die Platten meines Bruders gehört habe und wissen wollte, woher diese Musik kommt, die mir persönlich am meisten gegeben hat. Ich war 18, als ich das erste Mal in Jamaika war. Dort habe ich ein Land kennengelernt, in das ich mich verliebt habe: in die Menschen, in die Kultur und in die Musik. Es war also eine Mischung aus Liebe, Reisen und Abenteuerlust.

Reggae wird ja oft mit Kiffen verbunden. Wie stehst du dem Thema gegenüber?

Jede Musikrichtung hat Leute, die Drogen nehmen und sich berauschen, aber die meisten Musiker die ich kenne und die auch langfristig erfolgreich sind, sind clean. Und ich dampf auch nicht mehr, weil ich wieder was mitkriegen wollte. Aber das ist natürlich so ein Klischee: Oh, Reggae! Alle laufen barfuß rum und kiffen sich die Birne weg! Aber das ist es nicht. Man muss nicht kiffen und Dreadlocks haben, um Reggae zu machen. Es ist schließlich auch eine sehr sozialkritische und politische Musik.

Zu deinem Leben in Köln und Jamaika: Wo liegen die Besonderheiten und Unterschiede?

Jamaika ist ein dritte Welt Land und doch ein Ort unglaublicher Schönheit, Kreativität und Gemeinschaft. Auf der anderen Seite ist es ein Land, das mit politischer Korruption, Armut und Gewalt zu kämpfen hat. Und trotz der ganzen Kacke, die da abgeht, wird in Jamaika unglaublich viel gelacht. Wovon wir uns in Deutschland eine Scheibe abschneiden könnten. In Jamaika passiert sehr viel im Jetzt und das ist etwas, das ich hier ein bisschen vermisse. Wir planen immer sehr viel und vergessen, den Moment zu leben. Aber genau das macht das Leben erst lebendig. Trotzdem fühle ich mich in Köln sehr, sehr wohl und da ich als Musiker sowieso die ganze Zeit unterwegs bin, ist Zuhause immer mehr ein Zustand als ein Ort.

Deine Kinder schmeißen die Schule, um Musiker zu werden. Was wäre deine Reaktion?

Mach die Schule zu Ende! (lacht) Wobei ich da mit schlechtem Beispiel voran gehe ... ich kann da natürlich schlecht etwas sagen ... dann antworten die wahrscheinlich „Öööh, hast du doch selber nicht gemacht!“. Aber klar wünscht man sich als Vater, dass die Kinder die Schule zu Ende machen.

Hast du ein Lieblingslied oder einen Lieblingskünstler?

Lieblingslied ... ich glaube das kommt immer auf die Stimmung an. Und Lieblingskünstler ... es gibt so viele Inspirationen, es wäre jetzt ungerecht den anderen gegenüber, irgendwen zu nennen. Aber Bob Marley ist auf jeden Fall ein Name, der bei mir einfach fallen muss, weil er so viel getan hat. Sein Vater war weiß, seine Mutter schwarz. Er hat Musik gemacht, die immer noch unglaublich lebt, obwohl er jetzt schon ein paar Jahrzehnte von uns gegangen ist. Er hat die schönsten Liebeslieder geschrieben und auch den schönsten Kitsch gemacht, aber gleichzeitig war er politisch engagiert. Das finde ich wichtig, weil man als Künstler auch eine gewisse Verantwortung hat, was Texte angeht.

Was würdest du machen, wenn du kein Musiker wärst?

Musik ist schon immer meine Leidenschaft gewesen. Ansonsten wollte ich früher immer Astronaut werden (lacht).

Zum Abschluss: Was ist dein Geheimtipp für Köln?

Ich finde den Rhein sehr inspirierend und ich bin gern hier in Ehrenfeld, im Stadtgarten und im Petit Prince, wo meine Kumpels öfters Musik auflegen. Ansonsten bin ich ganz langweilig gern zu Hause, weil ich das ganze Jahr über unterwegs bin. Köln ist meine Heimat und ich fühle mich hier sehr wohl. Ich mag die Mentalität und dieses Ding, dass ich weiß, wo ich bei den Leuten dran bin. Das schätze ich an der Kultur hier.

Vielen Dank für das Gespräch, Tilmann!

Tags: Musik

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